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Gerhard Lawitzky

Der Zweikampf der    
Schach-Giganten   

1 Fehde aus der Ferne

"Blödsinn aus Berlin" dokumentiert den Beginn der sensationellen Fernpartie Lawitzky - Fitsche

Der Neuköllner UGZ (Universale Großzocker) René Fitsche hatte den Fehdehandschuh hingeworfen, und der Kreuzberger IKM (Interlokale Kneipenmeister) Gerhard Lawitzky hatte ihn aufgegriffen, frisch des Abends aus seinem selten gefüllten und deshalb selten gelehrten und kaum je geleerten Briefkasten.

Eine überdimensionale Sonderbriefmarke mit dem Wertzusatz "6 Pfennig für die Deutsche Sporthilfe" zierte den für Fitsches Dimensionen eher zierlichen Brief, in dem der ehemalige Zweitliga-Mittelstürmer von Tennis Borussia Berlin und jetzige Großzocker auf allen Bouleplätzen und Spielcasinos von der Cote d'Azur bis in die Uckermark IKM Lawitzky in ebenso zierlicher Schrift ziemlich unzierlich seine unziemliche Aufwartung machte.

Er, Lawitzky, möge redlich in sich gehen und nach dem bekannten Schema "Schere, Stein, Papier" den Eröffnenden bestimmen, hier wäre vorab schon mal "Papier" gewählt. Lawitzky ließ sich nicht lumpen, wiewohl er die Herausforderung eines Fußballers zunächst als impertinent ansah, und erwiderte prompt:

 

"Sehr verehrter Großzocker Fitsche,

da Sie in letzter Zeit wohl nicht allzu viel Fortune gehabt, und gar Ihre sicherlich redlich verdiente oder erschwitzte Prämie vom Concours in Marseille sicherlich gleich wieder in die Spielbank zu Monaco getragen haben, will ich Ihnen gerne Gelegenheit geben, sich auf einem anderen Ihrer mannigfaltigen Spielfelder zu rehabilitieren.

Auf Ihren Vorschlag "Papier" kam ich nach redlicher Konsultation meiner bekanntlich schwachen Linken zu dem Ergebnis "Schere" und führe somit die weißen Steine. Allerdings muss ich Ihnen gestehen, dass es mir beim Fernschach etwas an der inspirierenden Atmosphäre Kreuzberger Kneipen mangelt.

Wie dem auch sei, nach redlicher Konsultation einiger Flaschen "Jever" konnte ich selbst zu Hause in etwa die fehlende Inspiration wettmachen und habe mich nach einiger Überlegung nunmehr dazu entschlossen, zu einer völlig ungewohnten Eröffnungswaffe zu greifen, wenn auch die Vertreter der sog. "hypermodernen Schule"
behaupten mögen, damit gäbe ich die Partie von vorneherein aus der Hand.

Nun denn, beißen Sie sich fest:
1. B e2 - e4!

Mit Zockergruß,

Gerhard Lawitzky"

"Sehr verehrter Kneipenmeister Lawitzky.

Nachdem mich Ihr Eröffnungszug doch einigermaßen verblüfft und in nicht gerade gelindes Erstaunen versetzt hat, muss ich gestehen, dass ich die ganze Nacht kein Auge zugetan und ständig mit meinem Chefsekundanten konferiert habe, bis mir nach langen Recherchen endlich die Antwort kam, die mich auf die Spur Ihres diabolisch genialen und (fast) alle bisherigen Eröffnungen ad absurdum führenden Planes brachte.

Denn die Partie wurde, genau in der nämlich finsteren Weise und Absicht, schon einmal 1897 so begonnen, und zwar von meinem hochverehrten Kollegen Dr. Maximor in Paris, und dito 1905 in Turin von Prof. Pellegrini. Wenn Sie nun also meinen, mich damit hinter's
Licht geführt zu haben, so haben Sie sich bitterlich getäuscht!

Nun gut, ich werde ebenso bitterlich kontern:
1. ... B e7 - e5!

Mit schachlichem Gruß,

René Fitsche"

 

Nun, liebe Leser, fällen Sie selbst Ihr Urteil. Und schicken Sie es gegebenenfalls an Blödsinn aus Berlin.


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Die von UGZ Fitsche ins Feld geführten Partien von Maximor und Pellegrini endeten übrigens jeweils nach langem zähem Ringen Remis, so dass hier von der Redaktion noch kein vorschnelles Urteil gefällt werden kann.

Das von IKM Lawitzky den Hypermodernen unterstellte Vorurteil gegen zentrale Bauernzüge zu Eröffnungsbeginn gilt hingegen von den Hypermodernen selbst als widerlegt (vgl. Yeti - Rimzowitsch, Baden-Baden 1916: 1. d2 - d4 ... d7 - d5; als die beiden Großmeister ihre Partie nach dem Turnier im nahegelegenen Nachtclub "Bombay" analysierten und gen Ende des Abends in den Armen zweier Damen landeten, entstand übrigens der Name "Damenindische Eröffnung").

 

Verheißungsvolle Fernpartie fand ein jähes Ende

IKM Lawitzky in wenigen Zügen abgezockt

Nach verbalem Schlagabtausch nutzte UGZ Fitsche gierigen Bauernraub zu schnellem Matt

So verheißungsvoll, wie er begonnen hatte, so schnell endete der Zweikampf der Giganten zwischen dem Kreuzberger Interlokalen Kneipenmeister Gerhard Lawitzky und dem Neuköllner Universalen Großzocker René Fitsche. Zu sehr hatte sich Lawitzky anscheinend auf die einschüchternde Qualität seiner Verbalattacken verlassen, die er dann noch mit einem vorwitzigen Bauerngewinn zu garnieren gedachte. Fitsche schlug ergrimmt zurück und nahm ausnahmsweise mal den kürzesten Weg zum Sieg. Wir dokumentieren den Rest der ehemals so vielversprechenden Fernpartie im Wortlaut.

 

"So, so, verehrter UGZ Fitsche,

Sie meinen also, mir mit Ihren Recherchen auf die Schliche gekommen zu sein! Oder wollen Sie gar unterstellen, ich versuchte, mit 1. e2 - e4 Maximor und Pellegrini zu plagiieren? Nicht dass mir dir Partien völlig unbekannt wären, aber bei weitem gefehlt! Mein, wie Sie freundlicherweise attestieren, "diabolisch genialer Plan" zielt doch etwas weiter als auf ein Remis nach langem, wechselseitig erfolgversprechendem Schlagabtausch.

Schon dessen Fortsetzung wird Ihnen wie Ihren Sekundanten weitere schlaflose Nächte abverlangen, so leid mir das für Ihre ohnehin in letzter Zeit recht angegriffene Konstitution auch tun mag. Wie Sie danach noch lange Ihren vorwitzigen Zentralbauern auf e5 halten wollen, ohne sich bis zur Selbstverleugnung einzuigeln und Ihre Figurenentwicklung nachhaltig zu lähmen, müssen Sie mir erst noch demonstrieren.

Ein Spaziergang wie in Marseille wird es jedenfalls nicht werden, wenn Sie erst mal den vernichtenden Zweitschlag verdaut haben:
2. Sg1 - f3!

Hochachtungsvoll,

Gerhard Lawitzky"

 

"Mein lieber Lawitzky,

wie talentiert Sie doch sind! Wie geschickt und energisch Sie Ihre Figuren ins Feld führen. Nahezu perfekt gelingt Ihnen bei diesem Denkspiel das Umsetzen von theoretischen Vorstellungen in praktisches Handeln, ganz im Gegensatz zu anderen Spielen oder gar dem richtigen Leben, wo... nun lassen wir das...

Indem Sie mit Ihrem Springer die Jagd auf meinen zugegebenermaßen zunächst schutzlos erscheinenden Zentralbauern eröffnen, laden Sie mich zu einer eher trivialen Feststellung ein: nämlich, dass beutelos von einer Jagd heimzukehren unter allen Umständen enttäuschend ist, wenn nicht gar blamabel. Ich betone hiermit "unter allen Umständen", weil ich auch diejenigen Jagden miteinschließe, nein, gerade diejenigen im
Auge habe, die man in der Hoffnung antritt, nichts zu erbeuten.

In diesem Sinne:
2. ... Sb8 -c6

Voller Zuversicht,

Ihr René Fitsche"

 

"Mein verehrter, allzu zuversichtlicher Fitsche,

wirklich nett formuliert, Ihr woher auch immer geklauter oder entlehnter Aphorismus von der beutelosen Jagd. Ersparen Sie mir aber bitte künftige Anspielungen auf das Fell des Bären, wenn ich Ihrem Springer auf c6 kein allzu glückliches Leben garantieren
kann. Selbst wenn er weitere unüberlegte Übertretungen meiden mag, gehen wir in medias res:
3. L f1 - c4.

Wohl bekomm's!

Gerhard Lawitzky"

"Herr Lawitzky!

Ihre Anspielung auf einen geistigen Diebstahl meinerseits möchte ich überhört haben. Ab sofort habe ich für Sie nur noch zwei Worte übrig: "Schach" und "matt"!
3. ... Sc6 - d4

René Fitsche"

"Aber, aber, verehrtester Fitsche,

wer wir denn gleich die verbale Flinte ins Korn werfen, wenn er sie doch trefflicher zu handhaben weiß als schnöde Schachfiguren?
Übrigens, wer den Bauern nicht ehrt, ist des Zentrums nicht wert! Meinte schon der alte Steinmetz. Deshalb:
S f3 x B e5.

Mit freundlichsten Grüßen,

Ihr ergebenster Gerhard Lawitzky"

"Lieber Lawitzky,

das dialektische Verhältnis von Material, Zeit und Raum, von
Zentrum und Flanke, werden Sie weder mit Ihrem
zugegebenermaßen eloquenten Vokabular noch mit ihren ein wenig weniger eloquenten Zügen ausloten. Kleiner Denkanstoß:
4. ... D d8 - g5.

A votre plaisir,

René Fitsche"

"Nun, Fitsche,

da Sie mir hier mit ihrem dialektischen Damenausfall zugleich Raum, Zeit, Bauer und Turm zum Gabelfrühstück angeboten haben, kann
ich nur - sicher auch in Ihrem Sinne als Gourmet und Liebhaber von Welt - sagen, "Gardez la dame":
5. S e5 x f7.

Gerhard Lawitzky"

"Nun ja, lieber Lawitzky,

dies ist und bleibt nun mal der Unterschied zwischen Gourmets und
Gourmonts. Ob Sie ihn je begreifen werden, sei dahingestellt, tauschen wir also die Türme, wenn's beliebt. Mais regardez la difference:
5. … D g5 x g2.

René Fitsche"

 

"Oui, oui, oui, Monsieur Fitsche,

vive la difference ! Erinnern Sie sich lieber an Ihre frühe Metapher von der beutelosen Jagd, statt hier Ihr spärliches Französisch aufzupolieren. Ich sge nur:
Sixieme Tour h1 - f1!

Gerhard Lawitzky"

 

"Sicher, sicher, lieber Lawitzky,

frisch, fromm und fröhlich bin ich so frei, mich an eines meiner Lieblingsworte zu erinnern:
6. ... D g2 x e4 "Schach!"

Freundlichst,

Ihr René Fitsche"

 

"Teuflisch, fast genial, UGZ Fitsche,
wie Sie immer noch Ausflüchte finden! Doch erlauben Sie mir, dialektischerweise zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen bzw. mit einem Läufer zu erledigen:
7. L c4 - e2.

Gerhard Lawitzky"

 

"Sehr verehrter IKM Lawitzky,

darf ich Ihnen, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, nunmehr
ohne mein zweites Lieblingswort einfach folgende nette Skizze übersenden, und Ihnen für unsere hoffentlich anschließende Revanchepartie wiederum die weißen Steine anbieten, da Sie beim Ausknobeln ja ohnehin sehr geschickt?

Hochachtungsvoll, Fitsche"

 

Tja, liebe Leser, unerhört und nie gesehen, dieses schonungslose und nie dagewesene Matt in sieben Zügen! Oder doch? Für hilfreiche Hinweise wäre die Redaktion dankbar, bitte unter Blödsinn aus Berlin.


     


 

 
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Blödsinns Teil 2